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Eine Geschichte widerständiger Schwarzer Weiblichkeit

Saidiya Hartman: Aufsässige Leben, schöne Experimente. Von rebellischen schwarzen Mädchen, schwierigen Frauen und radikalen Queers. Berlin: Claassen 2022, 528 Seiten, € 28,80.

Gelesen von Brigitte Geiger

„Aufsässige Leben, schöne Experimente“ widmet sich dem Leben schwarzer Mädchen und junger Frauen, die nach dem Ende der Sklaverei in den USA auf der Suche nach Freiheit und einem besseren Leben in die urbanen Zentren des Nordens ziehen. Der Band umspannt den Zeitraum von 1890 bis 1935 und gliedert sich in drei Abschnitte: „Sie streift auf ihren eigenen Wegen durch die Stadt“ bezieht sich auf die ersten Wellen schwarzer Zuwanderung Ende des 19. Jahrhundert in Philadelphia, „Die sexuelle Geografie des Black Belts“ verfolgt Beziehungsarrangements und Genderidentitäten Anfang des 20. Jahrhundert in New York, und das dritte Buch „Schöne Experimente“ konzentriert sich auf die Straßen, Varietés und Tanzclubs Harlems in den 20er und 30er Jahren.
Saidiya Hartman, afroamerikanische Literaturwissenschafterin und Kultur­historikerin, verfolgt dabei einen innovativen methodischen Ansatz, den sie „Critical Fabulation“ nennt. Das Buch basiert auf einer umfangreichen Recherche und vielfältigen Quellen (Fotos, Gerichtsakten, Zeitungsartikel, Studien). Um die Begrenzungen dieser historischen Archive (was durch sie gewusst werden kann) aufzubrechen, verbindet sie die Quellenkritik mit literarischer Imagination und fiktionalen Elementen. Damit erzeugt sie einen vielstimmigen poetischen Text, dem es gelingt, die oft unsichtbar gemachten Leben am Rande erzählbar zu machen.
Nachfühlbar werden so die engen Grenzen auf der schwarzen Seite der Color line, die Brutalität der weißen Umgebung, einer rassistischen Polizei und Justiz und die Verwobenheit von Rassismus mit rigider Kontrolle von Gender und Sexualität, die vor allem schwarze Frauen betrifft, sie der Gefahr sexueller Übergriffe sowie der Verhaftung unter dem Vorhalt der Sittenlosigkeit und Prostitution aussetzt. Gleichzeitig betont Hartman mit ihrem emphatischen Nacherzählen das pulsierende Leben in den schwarzen Vierteln, die widerständigen Lebensentwürfe, die Renitenz im Alltag, von subversiven Formen der Liebe und der Solidarität, von nichtehelichen Beziehungen und queeren Identitäten, das Beharren auf Träumen und dem Wunsch nach Glück und Schönheit ihrer jungen Protagonistinnen. Es ist so auch eine Geschichte der Ermächtigung und Transformation.

Brigitte Geiger ist Medien- und Kommunikationswissenschafterin, Universitätslektorin und im Vorstand von STICHWORT.


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