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Ein Leben aus Briefen

Nicole Henneberg: Zur Freundschaft begabt. Gabriele Tergit. Eine Biografie. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2024, 393 Seiten, € 28,80

Gelesen von Helga Widtmann

Nicole Henneberg, die Herausgeberin der aktuellen Neuausgabe des Gesamtwerks der deutsch-britischen jüdischen Journalistin und Autorin Gabriele Tergit, konnte für ihre Biografie der Autorin aus dem Vollen schöpfen: Hunderte Briefe von Tergit sind erhalten geblieben und bilden die reiche Grundlage für diese spannende und detaillierte Biografie.
Gabriele Tergit (1894–1982) war das Pseudonym von Elise Hirschmann, später Elise Reifenberg. Als jüdische „Tochter aus gutem Haus“ geht sie durchaus unkonventionelle Wege, besucht die „Soziale Frauenschule“, gegründet u. a. von Alice Salomon, studiert und beginnt dann als Journalistin zu arbeiten. Anfangs beim Börsen-Courier, dann beim Berliner Tageblatt als Gerichtsreporterin und später auch in der Weltbühne. Sie heiratet den Architekten Heinz Reifenberg, bekommt einen Sohn und schreibt ihren ersten Roman, „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, in dem sie auch ihr eigenes berufliches Umfeld als Journalistin beschreibt. Als kritische Journalistin gefährdet, flüchtet sie 1933 nach einem Überfall durch eine Schlägertruppe der SA in die Tschechoslowakei und schreibt dort weiter an ihrem großen Roman „Effingers“, letztlich emigriert sie aber mit Mann und Sohn nach Palästina. Dort fühlt sie sich aber als dezidierte Antizionistin fehl am Platz und kann als Journalistin mangels deutschsprachiger Presse auch kaum arbeiten. Nach Umwegen über Paris landet die Familie dann 1938 in London, wo sich ein vielfältiges Kulturleben der Emigrant*innen entwickelte, zwischen Club 43 und dem Deutschen Kulturbund. Als Journalistin kann sie sprachbedingt nicht arbeiten, sie vollendet aber den zweiten Roman „Effingers“, der allerdings erst 1951, nach vielen Mühen in Deutschland erscheint. In der Nachkriegszeit reist Tergit zwei Mal nach Deutschland, und wie so viele andere Emigrant*innen fühlt sie sich nicht freundlich aufgenommen und auch ignoriert als Autorin und Journalistin. Im Londoner Exil-PEN dagegen kann sie arbeiten, gibt Hefte mit den Autobiografien der Mitglieder heraus, kämpft „für die Anerkennung der Exilliteratur als selbstverständlichen Teil der deutschen Literatur“ und setzt sich auch für die Aufnahme jüngerer Germanist*innen in den Londoner Exil-PEN ein.
In dieser Biografie entsteht mit vielen Zitaten aus Briefen, mit vielen Namen und Details ein deutliches Bild, was Emigration und Exil für das Leben und Werk von Schriftstellerinnen bedeuten.

Helga Widtmann ist Buchhändlerin, Bibliothekarin und Mitarbeiterin von STICHWORT


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